Ich denke jeder von euch erinnert sich an die heroischen Leistungen der Matadoren, die um die 3 begehrten Trikots bei der großen Frankreich Rundfahrt wetteifern. Zugegebenermaßen ist dies durch die Zuhilfenahme von einigen leistungssteigernden pharmazeutischen Erzeugnissen etwas aus dem Fokus der im Geiste auf dem Sofa Mitstrampelnden gerückt. Daher hier nochmal zur Auffrischung der grauen Zellen: Los geht es mit dem Prolog, meist außerhalb des Landes, dessen Namen diese Rundfahrt trägt. Allen vorweg fährt die bunte Werbekaravane, die allerlei Köstlichkeiten und Gaben unter die eng gedrängte Masse an Schaulustigen bringt.
Nun, was hat das mit uns und unserem Vorhaben zu tun? Der diesjährige Prolog beginnt in Istanbul. Die Stadt ist wie immer ein bunter quirliger Haufen, und ähnlich wie bei der Werbekaravane zwängen sich die Menschen durch enge Gassen und versuchen an den verschiedensten Stellen ein paar Leckerbissen zu erhaschen. Der große Basar, die Moscheen, kleine Parks und das alles wird von der Lebensader, dem Bosporus, durchströmt. Alles hat eine endlos lange Geschichte und hinter jeder Ecke gibt es etwas Neues zu erkunden. Eine sehr gelungene, wenn auch kurze Auftaktveranstaltung, die Hunger auf mehr macht.
Anschließend steht ein Bustransfer zum ersten Etappenstart auf dem Programm. Unser zahlreiches Gepäck wird in einen Bus verladen und in ca 20 Stunden werden wir an die Grenze zu Georgien gebracht. Auch hier passt der Vergleich zu dem Wein liebenden, Radsport begeisterten Land im Westen Europas. Georgien hat die längste Weinbaugeschichte der Welt. Bereits vor mehr als 7000 Jahren hat man hier die Vorzüge von vergorenen Trauben lieben gelernt und ist sichtlich stolz darauf. Sogar die Schriftzeichen sollen eine gewisse Ähnlichkeit zu Weintrauben haben, was sicherlich nicht von der Hand zu weisen ist.
Unser erstes Etappenziel, auch wenn die Streckenlänge eher einem Einzelzeitfahren glich, ist Batumi. Man nehme etwas russisch kommunistisch angehauchten Charme von riesigen Plattenbauten, die sich teilweise bis in exquisiteste Lagen in Strandnähe wagen, addiere eine liebenswerte koloniale Altstadt und vermenge das Ganze mit dem Plan ein zweites Las Vegas als Tourismusmagneten zu etablieren. Dabei entstand eine recht sonderbare Mischung von riesigen, in meinen Augen am Bedarf vorbei gebauten modernen Luxushotels, die sich auf engem Raum mit den bereits beschriebenen Bestandsimmobilien um die prominentesten Plätze an der neuen alten Strandpromenade duellieren. Was nun natürlich noch zur Verwirklichung des Planes fehlt sind die Casinos, von denen es einige gibt. Eine gewisse Sehenswürdigkeit ist diesem Ort durchaus nicht abzustreiten. Auch der vor den Toren der Stadt liegende botanische Garten mit zugehörigem Strand ist auf jeden Fall einen Besuch wert.
Unsere zweite Etappe führte uns durch eben diesen Park, welcher eine willkommene Abwechslung zur stark befahrenen Hauptstraße ist. Die hiesigen Autofahrer pflegen nicht unbedingt den rücksichtsvollsten und den Geboten der kreisrunden am Straßenrand postierten Geschwindigkeitshinweisen folgenden Fahrstil. Interessant ist welche Autos einem hier hauptsächlich über den Weg rollen. Die überwiegende Anzahl an Wagen wird von einem Stern geziert und wurde vor seiner Vertreibung aus unseren heimischen Gefilden das letzte Mal in den 90er Jahren bei uns gesehen. Viele Transporter tragen noch Postleitzahlen, die uns noch nicht von der allseits bekannten gelben Hand mit Gesicht als die Neuerung der Wiedervereinigung angepriesen wurden. Über den Dieselskandal würden oder werden die Leute hier lachen und unsere ausgemusterten Neuwagen mit Kusshand nehmen.
Wenn wir schon mal beim Thema Höflichkeit sind, abgesehen vom Fahrstil sind die Menschen hier im Punkto Freundlichkeit nicht zu übertreffen. Viele winken, schenken uns Gemüse, bringen uns Wasser an den Zeltplatz und dergleichen mehr. Eine Übernachtungsmöglichkeit haben wir bisher eigentlich immer an einem lustig gurgelnden Fluss gefunden, an dem uns eine Horde Frösche ein gute Nacht Lied gequakt hat.
Unser Weg folgt eine ganze Weile einem Tal welches sich weit in das Land hineinzieht. Gefolgt von einem waschbrettartigen Höhenprofil, was uns immer wieder mit Steigungen mit bis zu 20% beglückt, um danach wieder nahezu auf das Ausgangsniveau abzufallen.
Einmal wurde unsere Weiterfahrt geringfügig beeinflusst. Eine unserer Packtaschen hat nach einer Konfrontation mit einem Schlagloch Schrauben gespuckt und leider befand sich in unserem „Arzneischrank“ kein adäquater Ersatz. Direkt hielt einer der einheimischen an und hat mich mit auf seinen Einkaufstrip in den nächsten Ort genommen, wo wir auch Ersatz in der Schraubenkiste eines anderen Landsmannes gefunden haben. Weil er uns geholfen hat, war es unausweichlich, dass er uns dann auch noch zum Essen unter reichlicher Beimischung von Gerstensaft eingeladen hat. Die Konversation war bedingt durch ein nicht sehr performantes Internet und dem ständigen Wechsel zwischen den Tastaturen etwas kompliziert. Die letzten Kilometer des Tages waren dann doch etwas beschwerlicher, aber das Ganze ein echt tolles Erlebnis!
Weiter geht es in die Berge, die nun auch wirklich welche sind. Stetig steigend zieht sich die Straße ein langes Tal hoch, bis sie auf über 900 Metern vor einem schwarzen Loch endet. Ein 1,7 Kilometer langer Tunnel. Es ist unvorstellbar wie lang das sein kann, wenn man versucht das Atmen einzustellen um die darin befindliche toxische Wolke nicht einzuatmen, die das schwarze Loch fest in seinen Bann gezogen hat.
Ähnlich kann man sich vielleicht auch die Hauptstadt Tiflis vorstellen. Bezogen auf die Farbe hinkt dieser Vergleich sicher deutlich, aber ähnlich wie ein schwarzes Loch zieht auch sie alles sich in ihrer Nähe befindliche an. War es bisher möglich den Bundesstraßen und Autobahnen auszuweichen, gibt es nun kein Entrinnen mehr. Rasant rollt der Verkehr dem Zentrum entgegen. Aber auch in anderer Hinsicht scheint die Stadt jedweden Fortschritt, Reichtum, Arbeitsplätze und die Bevölkerungsmassen aus der Umgebung in ihren Bann gezogen zu haben. Wirken die umliegenden Dörfer einfach und verschlafen, pulsiert hier der Takt einer Stadt die es durchaus mit ihren Konkurrenten aufnehmen kann. Leider wirkt diese Anziehungskraft aber auch auf allerlei amerikanische Fastfoodketten und dem Fahrstil der Leute zu Folge, auch auf die Gehirnaktivität. Man stelle sich vor, dass mitten auf einer 4 spurigen Autobahn auf der rechten Spur ein Auto hält, um einen Taxifahrer nach dem Weg zu fragen.
Wir wagen uns dann mal wieder raus um neue Inspirationen für weitere Erlebnisberichte zu sammeln, bis ganz bald!
Tipp: Ihr dürft gern von meinen Berichten schwärmen und die "Weiterleiten" Buttons nutzen.

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Wolf (Dienstag, 09 Juli 2019 20:17)
Hallo Ihr beiden, liest sich schon mal gut, fast fühlt man sich dabei. Kleine Irritation: interpretiere den Text im Fall der aufgrund Schlaglochkontakt schraubenlosen Packtaschen und das Tunnelerlebnis so, dass ihr mit dem Fahrrad unterwegs seid? Habt ihr die mitgebracht oder hinter der Türkeigrenze im Nirgendwo ausgeliehen?
Lieben Gruß
Wolf