Wie oft saß ich in den letzten Wochen im Auto, 3 Grad, überwiegende Umgebungsfärbung grau und Regen. Die Scheibenwischer quietschen über das unter ihnen liegende Glas und schaffen das ungemütliche Nass hinfort. Immer wieder träume ich davon endlich Entspannung von den 17 Wochen auf den Baustellen zu bekommen und den Geruch von Glühwein in der Luft wieder durch einen Hauch Sonnencreme zu tauschen. Wieder geht der Scheibenwischer seiner Aufgabe nach und wischt endlich den Alltag von der Bildfläche. Der Platz wird schnell eingenommen vom geschäftigen Gewimmel auf den Straßen von Bangkok. Es ist wohlig warm, die Sonne scheint. Ein gänzlich anderes Potpourri von Gerüchen beherrscht die Umgebung. Mit einem Wisch ist alles vergessen, was uns die letzten Wochen beschäftigt hat, welch eine wohltuende Abwechslung. Es liegen 20 Wochen Urlaub vor uns.
Der Stopover-Tag in Bangkok verfliegt nahezu genau so wie die Reise dorthin. Ein paar Tempel, leckeres Essen, geschäftiges Treiben, aber alles wirkt bei Weitem gesitteter als bei meinem ersten Besuch. Die Stadt scheint erwachsen geworden zu sein. Keine unsittlichen Angebote, keine Menschen, die einen von geöffneten aber vermeintlich geschlossenen Tempeln weg locken wollen, und keine lästigen Tuktuk Fahrer, die einen kostspieligen Umweg zu einem Schneider einlegen, um den Touristen noch um ein paar Devisen zu erleichtern und das Gepäck mit Kram zu beschweren. Auch die endlosen Stände auf der Khaosan Road, die Proteinreiche Snacks anbieten und wild in den Hauseingängen verschwinden, wie Kakerlaken wenn das Licht eingeschaltet wird, sobald die Polizei sich mal blicken lässt.
Spannend waren auch die folgenden Eindrücke aus Brunei, die wohlhabende Enklave Borneos, welche wie die Loge im Stadion gefühlt über dem Rest tront, also primär deren König mit seiner Sammlung von mehr als 8000 Luxusautos, während das Volk teilweise in ärmsten Verhältnissen in Blechhütten auf Stelzen im Fluss wohnt. Venedig des Ostens nennen sie es ironischerweise.
Kommen wir lieber zum eigentlichen Grund unseres Besuches der Insel, der Natur. Ewig kriechen wir hinter LKW her, um in den Dschungel des Nordens zu gelangen. Über Stunden geht es kaum schneller als 15 km/h vorwärts. Eine Probe der Geduld, die am nächsten Tag mit ein paar Schwüngen der Orang Utans in den Bäumen über uns direkt wieder hinweg gewischt werden. Stunden könnte ich diese Tiere beobachten, wie sie dort hängen oder sich gemächlich durch das Gestrüpp hangeln. Ein tolles Erlebnis auch noch beim zweiten Besuch. Nachmittags gehen wir dann auf eine Erkundungsfahrt per Boot und sichten im umliegenden üppigen Grün, das den Fluss säumt, endlos viele Affen, auf dem Weg einen Elefanten und viele farbenfrohe Vögel. Genau dieses Naturerlebnis war das, was wir gesucht haben.
Nach den Impressionen an Land schauen wir uns das Pendant unter der Oberfläche der die Insel umgebenden Gewässer mal genauer an. Jaque Custeau hat es den schönsten Tauchspot der Welt genannt und bei so viel Vorschusslorbeeren sind wir sehr auf die eigene Wahrnehmung gespannt. Unter Wasser wimmelt es vor Schildkröten, Haien und zahllosen Fischen. Die Riffe sind bunt und voller Leben. Glücklicherweise ist das Gebiet geschützt und nur einer limitierten Zahl Besuchern zugänglich. Ob es nun der schönste Spot ist, stelle ich gern zur Diskussion, aber es war in jedem Fall sehr schön und die Menge an gesichteten Tieren kann sich definitiv sehen lassen. Man muss Jaque aber sicher auch noch 40 Jahre Zahn der Zeit zugestehen, der an der Umgebung seit seinem Besuch genagt hat.
Den Abschluss unseres Besuches von Borneo machen wir im Maliau Bassin. Lange schlängelt sich die Straße durch erfreulich intakten Wald immer tiefer ins Tal hinein. In der Mitte schlagen wir unser Lager für die Nacht auf. Die Parkrangerin will uns zum Preis des Campingplatzes, der kaum mehr als eine große und vor allem hohe Wiese ist, freiwillig den leeren Schlafsaal überlassen. Uns geht es nicht ums Geld, sondern das Erlebnis der Übernachtung im Dschungel. Unter einem Unterstand hängen wir die Hängematten auf und schlafen beim Surren des Dschungels als Gutenachtmelodie ein. Abenteuerlich und überraschend gemütlich zugleich.
Leider stellt sich heraus, dass unser Tele-Zoom Objektiv trotz seines noch jugendlichen Alters, immer häufiger dazu neigt den Dienst zu quittieren. Gut, dass die wesentlichen Bilder schon geschossen waren als die Jugendschwäche auftrat. Es hilft nichts, der Hersteller nennt eine zu erwartende Dauer der Reparatur von 8 Wochen. Auch wenn Singapur nett ist wollen wir nicht derart lange verweilen und entscheiden uns für eine Ersatzbeschaffung und versenden des defekten in heimische Gefilde. Mal sehen, ob das reibungsloser funktioniert, als die Paketmarke zu kaufen, was uns über eine Stunde gekostet hat und zu der Erkenntnis führte, dass die dortigen Postbeamten kaum motivierter wirken als deren deutsche Pendants.
Zum Abschluss des ersten Kapitels unserer Reise folgt wie so oft mal ein prüfender Blick in den Rückspiegel. Viele Stunden rollen wir über die üppig grüne Insel, doch vom ursprünglichen Bewuchs ist nicht mehr viel verblieben. Dichte Wälder durch dessen Labyrinth sich Affen und Vögel gekonnt hindurch manövrieren und welche von einem ständigen Gesurre und Geschnatter durchzogen sind, mussten endlosen militärisch akribisch aufgereihten Palmen für die Versorgung der Welt mit dessen billigem Öl weichen. Die Wälder aus Palmen wirken tot. Es sind keine Tiere zu hören. Zu sehen gibt es sie auch nur in homöopathischen Dosen. Was wir mit unserem Hunger nach billigem Öl im morgendlichen Brotaufstrich hier für eine traurige Verwüstung mit verantworten, ist schon deprimierend. Ich werde in jedem Fall noch mehr als schon zuvor auf die Liste der Zutaten schielen, wenn ich künftig meine Besorgungen mache, da ich sonst irgendwie einen der kleinen Affen aus dem hiesigen Wald vor Augen habe, dessen knurrender Magen mir und meinem Gewissen den Schlaf raubt. Noch perverser finde ich, dass das Öl in Biokraftstoffen verwendet wird. Wie man in dem Zusammenhang von Bio sprechen kann ist wahrscheinlich eines der größten Geheimnisse dieses Planeten.

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Wolf (Mittwoch, 31 Dezember 2025 12:14)
Hi Dennis, Dein lebendiger Erzählstil nimmt den Leser mit ins Geschehen. Du vermischt erlebtes mit eigenen Kommentaren zu einer überzeugenden Geschichte. Lieben Gruß an Meike und Dich - in 7 Std. wird in Eurer Gegend Neujahr sein - also guten Rutsch und liebe Grüße. Christiane und Wolf
Heiko (Freitag, 02 Januar 2026 20:31)
Lieber Dennis,
vielen Dank für Deine Beschreibungen und Erläuterungen - ich bin gefühlt mitten drin im Geschehen ! Hier flockt es gerade erheblich und der Winter hat unsere Region fest im Griff. Um so schöner, gerade dann Eure Reiseberichte zu lesen ��
Liebe Grüße und passt gut auf Euch auf,
Heiko
Hakan Gürsoy (Freitag, 02 Januar 2026 23:57)
Lieber Dennis,
vielen Dank für den tollen Bericht. Man wird als Leser toll mitgenommen auf Eure Reise!
Liebe Grüße aus Deutz