Chapter 3 - Neuseeland, Fidschi und Tuvalu

Neuseeland

Für manche kaum noch vorstellbar, aber ich erinnere mich noch an Zeiten, wo wenn das Bild im Fernsehen schlecht war man gegen den Schneeschleier die Antenne bewegt, oder das Gewitter abgewartet hat, damit die liebevoll eingefangenen Bilder auch wieder weniger der Vorstellung Unterlagen. Ähnlich fühlten sich die Impressionen aus Neuseeland an. Nachdem wir knapp 3 Wochen keinen nennenswerten Niederschlag erlebt haben, wackelt das Flugzeug schon durch eine prall gefüllte Decke aus in luftigen Höhen aufgetürmten Wolken. Kaum das Flugzeug verlassen begrüßt uns der erste Guss, als wenn uns jemand zur Begrüßung einen Eimer Wasser entgegen geschüttet hätte. Kia Ora - willkommen. So geht es auch die gesamten nächsten zwei Tage weiter. Es fallen Regennassen, dass man glaubt, es würden bald wieder repräsentative Artenpärchen auf Schiffe verfrachtet, um auf bessere Zeiten zu warten. Am nächsten Vormittag lacht dann doch zur Abwechslung mal die Sonne vom Himmel und wir wagen eine Joggingrunde am den Lake Taupo speisenden Fluss, was landschaftlich als ausgesprochen pittoresk bezeichnet werden kann. 


Auch mein 5 Anlauf das nahe Tongariro Crossing zu begehen, wird von den schnell wieder einsetzenden Regenfällen und dem orkanartigen Wind, davongetragen. Ich denke ich habe die Message verstanden und werde mich anderen Wanderungen widmen. Unsere ursprünglichen Pläne bedürfen also ganz eindeutig einer Neuausrichtung der Antenne und so steuern wir nach Napier, wo das Wetter verheißungsvoller ist und werden von wohlig warmen Sonnenstrahlen willkommen geheißen. Eine echt schöne Ecke des Landes, was wir bisher nicht so auf dem Schirm hatten. 

Klarere Sicht ist manchmal auch mit Einsicht verbunden und so habe ich beschlossen das immer größer werdende Horn auf meinem Kopf mal einer Hautärztin vorzuführen. Freitags nachmittags führte das natürlich nicht zu Begeisterungsstürmen, aber der Anblick versetzte die herzensgute Dame doch deutlich mehr in Panik als es mich berührte. Schneller als ich wirklich realisieren konnte was geschieht hatte ich schon ein Skalpell am Kopf, fragte mich, ob da nicht erstmal eine Betäubung her muss und hatte die erleichterten Worte der Ärztin im Ohr - alles gut, es ist eine Zyste. Nun haben sie eine ganz besondere Erinnerung an Neuseeland. Mir wäre vermutlich eine Münze lieber gewesen, aber nun ist es so. 

Mit diesen doch etwas anderen und deutlich kürzer geratenen Impressionen aus Neuseeland rollen wir wieder in den Monsun in Richtung Flughafen. Überschwemmungen, Erdrutsche und die Aussicht auf noch mehr Regen, den zwei Zyklone gebracht haben, sind dann doch etwas ungewöhnlichere Sommer, selbst für die, die schon einige davon hier erlebt haben. Die Schönheit der Dokumention dieses traumhaften Landes lässt sich dieses Mal, selbst durch adjustieren der Antenne nicht greifen und daher nutzen wir den enormen Vorteil einer derart gestalteten Reise und passen den Plan an.

Fidschi / Fiji

Für die Regenzeit in der Nähe des Äquators ungewöhnlich gute Wetteraussichten treiben uns auf eine kleine Insel vor der Hauptinsel von Fidschi. Es ist wirklich wie im Prospekt. Grüne Hügel stehen im türkisblauen Wasser und werden von goldgelben Buchten feinsten Sandes verziert, wie diese schmuckvollen Kreationen aus Sahne, die sich um den unteren Rand einer Torte schmiegen. Schon am Flughafen spielt eine Band die landestypischen Rhythmen und Melodien, die uns auch auf die Insel begleiten und die Stimmung in dieser abgeschiedenen Idylle prägen. Bei einer Wanderung auf den höchsten Punkt der Insel versorgt uns ein Einheimischer mit reichlich frischen Mangos, die überall herumliegen. Schwer auszumachen, wovon uns am Gipfel mehr das Wasser im Mund zusammenläuft, den Mangos oder der Aussicht auf die Insel und das umliegende Meer. Es ist schon interessant wie viel intensiver eine Frucht schmeckt, wenn man ihr den Reifeprozess noch am Zentralgewächs zugesteht und diesen nicht in einen Überseecontainer verlagert. 

Erstaunlich finde ich, welchen Eindruck viele Urlauber in der Welt zu hinterlassen scheinen,denndasResultat ähnelt sich in der überwiegenden Zahl der bisher besuchten Destinationen. In den Unterkünften fehlt es eigentlich nur noch, dass einer der Angestellten einen auf das stilleÖrtchenbegleitet um dort das bereitgehaltene Papier mit Rosenwasser zu bestäuben, bevor es dann seiner reinigenden Wirkung zugeführt wird. Es bewegt uns schon, dass selbst diese entlegenenUnterkünfte allesdafür tun, die Menschen auf dem Gelände zu halten, wie Gefangene beim mittäglichen Freigang oder Ertüchtigungsworkshop. Ins nahegelegene Dorf dürfen wir nicht gehen, das ist verbotenund nicht gernvon den Menschen dort gesehen. Eine Wanderung nachmittags außerhalb des Programms geht nicht. Das ist auch verboten. Interessant, zumal wir bei unserem Spaziergang durch das Dorf, denwir dennochunternommen haben, sehr herzlich gegrüßt werden und einer der Einheimischen uns auf den bereits erwähnten und von uns angestrebten Berg bringt. Servietten werden einem in den Schoß gelegt, Blumen verteilt, Getränke nachgegossen, Unterhaltungsprogramm angeboten, damit der Tag am Strand oder dem Pool nicht als allzu langatmig empfunden wird. Unsere Impressionen und Begegnungen auf der Welt, die uns immer wieder in die Ferne ziehen, bauen genau auf so Momente, wo wir die Menschen in ihrer Umgebung erleben oder die Natur auf uns wirken lassen. Das ist unser Baustoff für unsere Residenz und macht die entlegenen Ecken dieses Planeten so einzigartig. In meinen Augen ist das, was andere als Luxus empfinden vor allem eins - austauschbar (zumindest von der Örtlichkeit her) und somit nicht einzigartig. Die Ziele unterscheiden sich dann oft nur noch von den Stempeln her, die einem auf die sich füllenden Seiten des Sammelalbums gedrückt werden, was im allgemeinen auch Reisepass getauft wurde. Unter diesen Umständen kann ich es in jedem Fall verstehen, warum mir so viele sagen, dass sie sich nach 3 Wochen Urlaub wieder auf zu Hause freuen. Da es sich hierbei natürlich um eine rein subjektive Empfindung handelt, bei der es sicher kein Richtig oder Falsch gibt, bin ich jedoch froh, dass die Mehrheit anders empfindet als ich, denn nur so sind diese erfüllenden Begegnungen und Eindrücke des wirklichen Lebens ferner Länder überhaupt möglich und derart authentisch. 

Tuvalu

Um spannende Begegnungen geht es auch an unserer nächsten Station. Es geht nach Tuvalu, dem am seltensten besuchten Land der Welt. Schon während des Anflugs fragt man sich, wo genau in dem ganzen Wasser wohl eine Landebahn Platz gefunden hat. Die Insel ist zwar 10 Kilometer lang, aber an den meisten Stellen nicht einmal 50 Meter breit. Wir steigen langsam von unserer ohnehin geringen Flughöhe durch eine dicke Wolkenschicht ab und da ist sie, diese schwarze brandneue Lebensader dieses Landes. 1,4 Kilometer, die überwiegend zum Spazieren, als Sportstadion oder einfach zum zusammenkommen genutzt wird, wenn nicht eines der drei Flugzeuge, die in der Woche dort landen im Anflug ist. Kaum ist das Flugzeug durch, wird auch schon wieder die Schranke geöffnet und der geschäftige Trubel geht wieder seinen Weg. In anderen Teilen der Welt wäre die unmittelbare Nähe zum Flughafen ein klares Manko in Sachen Wohnlage, hier ist es umgekehrt. Diese Fläche ist eindeutig das Rückgrat dieses winzigen Staates und der Ort wo es etwas zu sehen gibt. 


Die Menschen sind sehr freundlich. Insbesondere als wir auf dem Rollfeld joggen, das kommt wohl nicht so oft vor. 2000 Besucher kommen jährlich und die Einheimischen sind derer offensichtlich bisher nicht überdrüssig. In unserer Unterkunft treffen wir zwei, die für Entwicklungshilfeprojekte tätig sind. Sie wurden gebeten bei der Implementierung eines neuen Meeresschutzgebietes zu helfen. Finanziert von einem nicht unbekannten Milliardär, dem ich derartige Projektunterstützung eigentlich nicht zugetraut hätte. Das ändert meinen Blickwinkel auf ihn in jedem Fall. Es ist unglaublich spannend mit den Beiden zu sprechen und die Zusammenhänge, aber auch Probleme besser zu verstehen, die wir bei unseren Spaziergängen unvermeidlich zu sehen bekommen. Eine der beiden hat uns im April in ihre Heimat die Cook Islands eingeladen. Das wäre wirklich spannend, wenn das klappt. 


Kommen wir mal zu den Herausforderungen. Ich habe mich auf der Reise schon mehrfach gefragt, was eigentlich mit dem Abwasser passiert. Wir haben gelernt, dass dieses in septische Tanks geleitet wird, die dann aber nicht regelmäßig gewartet werden, aus denen durch unsachgemäße Behandlung der Unrat ins Grundwasser und auch die türkiesblaue Lagune gelangt. Im Paradies leben und den Ozean vor Augen, aber besser nicht darin schwimmen ist schon verrückt. Grundsätzlich gut gedacht, aber ausbaufähig gemacht. Da somit das Grundwasser nicht nutzbar ist, tritt an dessen Stelle gesammeltes Regenwasser, was auf der ganzen Insel in zahllosen Tanks gesammelt wird. Die Mülldeponie, der überall herumliegende Schutt, ausrangierte Autos am Straßenrand und die Gewissheit, dass all das irgendwann im Meer zu versinken droht, beschäftigen uns sehr. Das Land stemmt sich mit ausländischer Unterstützung gegen das nahende Unheil und pumpt Unmengen Sand aus der Lagune in riesige Kissen, die dann säuberlich gestapelt die Basis für eine neue Heimat bilden sollen, wenn der Rest der Insel bereits nasse Füße beim beschreiten bereitet. Die Kaffee- oder Teetrinker werden das sicherlich kennen, wenn man dem Heißgetränk eine gewisse Süße verpassen will und mit einem Löffel Zucker einem Gefäß entnimmt. An der Stelle der Entnahme erodieren die Ränder und es rutscht in Richtung Mitte nach. Ich bin mir also nicht ganz sicher wie effizient es daher ist, aus der Mitte der Lagune endlose Mengen Sand abzupumpen. Wenn sich das Alltagsmodell übertragen lässt, besteht dann nicht die Gefahr, damit den akribisch aufgereihten Sandsäcken langsam das Fundament zu rauben? Spannend finde ich auch die Frage, wie lang diese an sich weichen Kissen wohl den Gezeiten trotzen bevor sie ihren Inhalt wieder in die Freiheit entlassen. 

Eine tief bewegende und eindrucksvolle Zeit haben wir hier verbracht. Es ist sehr kontrovers und teilweise kaum nachvollziehbar, aber ich denke, dass die Lebensweise der Menschen sich langsamer an die sich verändernden Gegebenheiten anpassen, als das augenscheinlich erforderlich ist. Damit meine ich nicht nur einen möglichen Anstieg des Meeresspiegels, sondern auch der Umgang mit Müll und dessen Vermeidung. Die bis vor kurzem noch verwendeten Naturmaterialien sind dem rasanten Siegeszug des Plastiks zum Opfer gefallen. Dass man dieses jedoch nicht mehr einfach hinter die nächste Palme werfen sollte muss noch in einige Köpfe dringen. Auch dass alle gefühlt mehr in Hängematten liegen und schlafen als die Koalas, die wir zuvor besucht haben, scheint angesichts der vielen zu bewältigenden Herausforderungen kaum nachvollziehbar. Auch das Verkehrsaufkommen auf den insgesamt gerade mal 12 Kilometern Straße ist in Anbetracht der geringen Bevölkerung, enorm. Kaum einer läuft die ohnehin geringen Distanzen. Autos und Roller zwängen sich entlang der schmalen Straße. Selbst das Rollfeld, wo man sich dann des Abends sportlich oder weniger sportlich betätigt, wird per Roller angesteuert. Die Hüften der Fahrer und die Inschriften mit ausgesprochen geringer zeitlicher Differenz auf den allgegenwärtigen Grabsteinen, sprechen Bände. Ich frage mich auch, warum man hier nicht 2 Busse fahren lässt und bei Fahrzeugen auf den Preis beim Erwerb, gleich die Kosten für die irgendwann erforderliche Entsorgung direkt mit fakturiert. Das würde sicher die meisten der hiesigen Herausforderungen recht zeitnah lösen. Bei den zahllosen Kindern auf den Straßen fragt man sich schon, wie sich die Eltern deren Zukunft vorstellen. Das Land hat eine Vereinbarung mit Australien geschlossen, dass nach und nach die hiesigen Menschen umsiedeln dürfen. Insgesamt haben sich 8000Menschen auf eines der Visa beworben. 10000 Leben noch auf der Insel 4000 sind bereits gegangen. Das ist sicher eine mögliche Antwort auf die Frage.

Was ich daran sehr bemerkenswert und erfreulich finde ist, wie freundlich und gut gelaunt die Menschen angesichts all dieser auch ihnen ganz sicher nicht entgehenden Impressionen sind. Erfreulich ist aber auch, dass es erkennbare kleine Schritte gibt in denen vieles besser wird. Es sollen Schutzgebiete geschaffen werden, an Bord der hiesigen Flüge wird Geschirr aus Papier und Besteck aus Holz verwendet, Essensverpackungen sind ebenfalls aus Papier, Strohhalme gibt es keine, Plastiktüten sind nirgends zu finden und Wasser gibt es überall gratis aus großen Behältern, um auch hier auf Plastik zu verzichten. Wer schon mal die USA besucht hat, wird erkennen um wie viele Lichtjahre dieses winzige Land dem Möchtegern Vorbild der Welt voraus sind. 


Ein unglaublich spannender Besuch, der sich in jedem Fall gelohnt hat. Ein letztes Mal sind wir am Rollfeld, die Sirene schrillt, Fliegeralarm, das wohlgesonnene Flugzeug setzt auf und wir können einsteigen. Fasten your Seatbelt - auf zum nächsten Abenteuer. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Wolf (Montag, 02 Februar 2026 13:46)

    Hi Ihr Beiden Weltreisenden, der Text liest sich wieder gut. Zum Einen wegen der bildhaft vergleichenden Sprache. Insbesondere auch aufgrund der philosophischen Betrachtungen über Land, Menschen und Umwelt. (Separate Mail folgt)
    Lieben Gruß und weiterhin viel Glück
    Wolf

  • #2

    Ines (Montag, 02 Februar 2026 17:28)

    Hallo ihr Beiden,
    wann schreibt ihr denn nun endlich ein Buch über eure Eindrücke von all euren bereisten Ländern und spannenden Begegnungen!? Es liest sich wieder ganz toll. Schmunzler, Stirnrunzeln, Seufzer, alles dabei.
    Weiterhin gute Reise!
    Liebe Grüße. Ines