Nauru
Wer kennt sie nicht diese schier nicht enden wollenden Spannungsbögen der Actionstreifen, die des Abends über den Flachbildschirm flimmern. Der Superheld nutzt jede nur erdenklich noch auszupressende Millisekunde um die versteckte Bombe des Widersachers zu finden, noch eine Meute schwer Bewaffneter im Alleingang auszuschalten, den in letzter Minute auftauchenden Schurken im Zweikampf zu stellen, nur um dann in den unmöglichsten Stellungen mit dem rechten Fuß noch den korrekten Draht zu durchtrennen, als der Countdown gerade seine zweitkleinste Zahl präsentiert. Wer hier schon mal vorbeigeschaut hat weiß, dass es nun Zeit für die Überleitung zu unseren Erlebnissen ist. Exakt dem geschilderten Spannungsbogen nachempfunden lief die Beschaffung des Visums für unsere nächste Destination ab. Etwa drei Wochen vor der Einreise wollten wir diese vorbereiten indem wir dem Immigration Department von Nauru ein nahezu perfekt geschnürtes Antragspaket gesendet haben. Als wir davon einige Tage keine Resonanz erhalten haben, haben wir eine weitere Mailadresse in der Anfrage mit in Kopie genommen, die wir in einem Blog gefunden haben. Immerhin wurde die nun schon zum zweiten Mal angeschriebene Kollegin aufgefordert, sich der Sache anzunehmen. Irgendwie gefiel ihr selbst nach diversen Versuchen das Foto meines Passes nicht. Das Ping Pong kann man schon mal 3-4 Tage verfolgen nur um dann am Wochenende die Anfrage wider komplett zu vergessen. Auch Nachfragen hat da keine wesentliche Besserung gebracht. Als ich dann die Telefonnummer finde und dort anrufe ist alles meine Schuld, denn die Bilder sind weiter nicht brauchbar. Also neu und wieder anrufen, Einzelbeatmung und Verfolgen der Aktion auf Schritt und Tritt. Dann die Bezahlung. Diese ist schnell erledigt und ich sende die Bestätigung an das Immigration Office. Wir sollen warten bis ihre Kollegen den Zahlungseingang von deren Seite bestätigen. Die von mir beigefügte Zahlungsbestätigung reicht nicht aus. Weitere zwei Tage vergehen und es ist inzwischen Freitag geworden. Sonntag geht unser Flug. Verzweiflung macht sich so langsam breit. Also es hilft nichts, wieder nachfragen. Ich soll die Quittung senden. Wer noch folgen kann wird bemerkt haben, dass ich diese schon am Mittwoch geschickt habe. Nun kann sie damit alles in die Wege leiten. Oft denke ich, es wird schon seinen Weg gehen und dann stellt sich heraus, dass Kontrolle definitiv besser als Vertrauen ist. Ich sitze gefühlt den ganzen Nachmittag vor meinem Maileingang wie ein verknallter Teenie der auf eine Nachricht seiner Angebeteten wartet und dann endlich, halb 6 abends ist das Visum da. Was eine Odyssee zu diesem schnöden PDF was die nächsten Flüge in den folgenden 3 Wochen ermöglicht. Für meinen Geschmack zog sich der Klimax der Geschichte etwas zu sehr hin aber wie im Film gab es ein Happy End. Mal abgesehen davon, dass uns in letzter Minute noch unsere Unterkunft geschrieben hat, dass wir dort nicht übernachten können, weil es einen nicht unerheblichen Wasserschaden im Zimmer gegeben hat. Wir sind schon etwas besorgt über die uns angebotene Alternative, weil die wenigen Unterkünfte auf der Insel alle deutliches Potential für Verbesserungen hatten. Überraschenderweise war das Haus echt schön als wir dort erleichtert die Tür öffnen. Zuvor hat uns noch ein Immigration Officer auf dem Weg nach Hause dort abgesetzt, weil er nicht nachvollziehen konnte, dass wir die 20 Minuten dorthin um 4 Uhr morgens tatsächlich laufen wollten.
Kiribati
Kiribati ist der nächste Gang in unserem delikaten Reisemenü. Die ersten zwei Tage verbringen wir in einem Eco Resort auf einer der abgelegeneren Inseln. Es ist angenehm ruhig und die Menschen sehr freundlich. Es gibt außer einer Muschelzucht und einem selbst die kitschigsten Postkarten übertreffenden Ausblick auf das unfassbar grüne Meer nicht viel zu sehen. Das reicht aber schon, da dieser Anblick kaum satt macht. Bei der Erkundung dieser und der nächsten Insel bleiben wir immer wieder stehen und fragen uns, was hier wohl anders ist als an anderen Orten der Welt, wo das Meer schön ist, aber kaum mit diesem Anblick mithalten kann.
Bei Ebbe kann man bequem von einer Insel zur nächsten laufen und so machen wir das dann auch auf dem Weg zur nächsten Unterkunft. Die nächste Herberge liegt in South Tarawa, was ein Großteil der 120.000 Einwohner des Landes ihr zu Hause nennen. Es ist kaum vorstellbar, dass dort derart viele Menschen in ihren kleinen Hütten leben. Was hier aber auch unweigerlich und in einer nahezu erdrückenden Schwere belastet ist der allgegenwärtige Müll, was auf den anderen Inseln deutlich besser war. Die Strände sind komplett vermüllt und das Ausmaß übertrifft vieles von dem, was wir ohnehin schon gesehen haben. Eigentlich hilft, ähnlich der aufkommenden Übelkeit bei Bootsfahrten, nur den Horizont zu fixieren und somit die nähere Umgebung auszublenden. Was uns wirklich erstaunt ist, dass nahezu jeder versucht sein eigenes Grundstück sauber und ordentlich zu halten, aber keine 10 Zentimeter weiter liegt überall Unrat. Keiner scheint sich dafür verantwortlich zu fühlen und der überwiegende Teil der Menschen liegt lieber den ganzen Tag irgendwo rum, um sich auf dem Handy irgendwelche sinnbefreiten Kurzvideos reinzuziehen. Ich möchte gern mal wissen welche evolutionäre Fehlbildung im menschlichen Gehirn dafür sorgt, dass über alle Altersgruppen hinweg, derartige Beschäftigung eine solche Faszination ausübt. Selbst kleinste Kinder sind vom Flimmern der Handys komplett in dessen Bann gezogen. Wenn man unentwegt auf das Handy starrt sieht man natürlich den umherliegenden Unrat nicht und kann sich wahrscheinlich gut in eine virtuelle Traumwelt flüchten. Es ist in Summe einfach schade, weil das Land ein unfassbares Potential hat.
Über die Problematik mit dem Müll haben wir mit einigen hier gesprochen. Der Erfolg ist ausgesprochen dürftig. Die Sprache ist sicher eine Hürde, aber viele sprechen recht gutes Englisch, so dass es irgendwie doch ein Thema des scheinbar mäßig trainierten Denkapparats sein muss. In der Eco Lodge gab es beispielsweise jede Mahlzeit immer in Alufolie verpackt. Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, dass wir das nicht wollen und bei 5 Mahlzeiten hat das Mädel, das sich um uns gekümmert hat, sich einmal daran erinnert, dass wir bei der Bestellung der jeweiligen! Mahlzeit darum gebeten haben diese nicht zu verpacken. Auch gab es keine Wasserspender, sodass wir Wasser aus Plastikflaschen nutzen mussten. Es gibt durchaus große Behältnisse mit Wasser, nur nicht in der ECO Unterkunft. Dort gab es ausschließlich 500 ml Flaschen Fiji Wasser. Fancy, aber komplett unnötig. Hier bin ich sogar losgegangen, um im Dorf Wasser aus deutlich größeren Flaschen zu kaufen und habe es erläutert und trotzdem hat sie zu jeder Mahlzeit die kleinen Flaschen gebracht und nicht verstanden, warum wir diese ablehnen. Auf dem Grundstück war eine Dame nahezu den ganzen Tag am fegen. Es sah natürlich entsprechend sauber aus. Am Strand, keine 30 Zentimeter weiter schaukeln aber die Plastikflaschen auf den Wogen gegen die Mauer. Als ich diese alle gesammelt und auf dem frisch gefegten Boden gestapelt habe, war sie sichtlich genervt, hat dann in ihrem Müllbeutel aber doch noch Platz für die Masse an Flaschen gefunden.
Warum sieht eigentlich keiner, dass der Müll am Strand oder Straßenrand langsam zerfällt und die umherlaufenden Schweine und Hühner genau dort und damit diesen fressen? So lange diese Tiere keine Kiemen zum Ausscheiden von Plastik entwickeln wird der Müll wohl schlussendlich auf dem Teller landen. Die Frage ist nur, warum kommt niemandem hier so ein Gedanke wie sie da so liegen und im peripheren Sichtfeld eventuell doch etwas von ihrer Umwelt mitbekommen, denn sie winken uns ja auch erfreut zu und freuen sich, dass wir das Land besuchen. An einer Strandbar ist jemand dafür zuständig den Sand mit einer Harke zu säubern. Alles was er so zusammenfegt wirft er in die Wellen. Nach getaner Arbeit setzt er sich in eine Ecke und schaut auf sein Handy. Ausrasten wäre wohl kontraproduktiv. Ich störe ihn nur ungern dabei dort nun sein Handy leer zu glotzen, mache es aber trotzdem und erläutere ihm am anschaulichen Resultat, dass der Ozean seine vorherige Arbeit direkt wieder umkehrt und dieser sicher mehr Ausdauer hat als er. Ich sage ihm, dass es besser ist, den Müll in einen Beutel für die immerhin vorhandene Abfuhr zu packen und biete an, an der Bar einen Beutel zu holen und ihm zu helfen. Alles was sie haben ist eine leere Tüte in der zuvor Toastbrot gelagert war. So viel dazu.
Wir haben mit einem der vielen Missionare, die die Inseln heimsuchen gesprochen, ob sie in ihren Gesprächen nicht das Problem auch mal adressieren können. Frei nach dem Motto am 8. Tag sagte Gott, bitte recycelt. Es ist ein Prozess der lange dauern wird, aber vielleicht ist der Weg über die Kirche ein gangbarer, denn dort gehen jeden Sonntag weiterhin alle hin und die Reichweite ist entsprechend. Eins ist klar, der Westen macht einen nicht zu verachtenden Profit mit dem Export von Gütern inklusive deren Verpackungen in diese entlegenen Winkel, wir sollten aber dann auch die Verantwortung für die Entsorgung mit tragen. Immer wieder denke ich darüber nach, dass Hersteller von Gütern oder sonstigen Dingen über ein weltweit geltendes Gesetz dazu verpflichtet werden sollten mit der Produktion und dem Verkauf von Gütern auch für deren Entsorgung Sorge tragen zu müssen. Die Güter werden auf die Inseln gebracht, aber die Container sind auf dem Rückweg leer. Das ist nicht nachvollziehbar und sollten die Kosten für die Entsorgung mit bei der Anschaffung Berücksichtigung finden, wäre gegebenenfalls noch ein zusätzliches Regulativ vorhanden, was die Menschen noch einmal nachsinnen lässt, ob beispielsweise auf einer winzigen Insel wirklich jeder ein Auto braucht, zumal deren Haltbarkeit durch das allgegenwärtige Salz deutlich reduziert ist und diese schlussendlich am Straßenrand darauf warten, dass der Zahn der Zeit diese vollständig zernagt. Aber was wollen wir von den Menschen hier schon für gedankliche Höchstleistungen erwarten, wenn wir immer wieder eine Besucherin aus Perth, dem Hotspot des Ozonloches, treffen, die uns erläutert, dass sie lieber aussieht wie ein Hummer im Kochtopf mit ihrem schweren Sonnenbrand, als Sonnencreme zu nutzen, denn die ist hochgradig giftig. Um dieses ebenfalls sakrale Gleichnis zu bemühen, der Mensch - die Krone der Schöpfung.
Marshall Islands
Wer viel erlebt, hat viel zu erzählen. Ihr könnt die Geschichte ja auf mehrere Abende verteilen und so mehrfach ausreichend ermüdet in die Kissen sinken. Es ist schon sehr erstaunlich wie sehr sich diese Inseln alle unterscheiden, was wir so nicht erwartet hätten. Die Marshall Islands sind für uns das letzte Korallen Atoll mitten im Nichts auf dieser Reise. Es ist ein bisschen wie früher als meine Mutter die in meinen Augen fertigen Hausaufgaben lieblos aus dem Heft gerissen und mich von neuem hat beginnen lassen. Tuvalu und der Versuch beziehungsweise die Umsetzung Kiribati waren optisch nett und hatten gute Ansätze, aber die beschriebenen Mängel. Die Marshall Islands haben die selben Voraussetzungen aber die Umsetzung ist deutlich besser. Alles wirkt kultivierter und geordneter. Anständige Häuser, ein sich im Normalmaß befindliches Aufkommen von Müll und Unordnung und ein direkt ins Auge springender amerikanischer Einfluss. Ob das nun gut oder minder gut ist, lasse ich mal für die Diskussionen nach der Reise offen. Der Aufenthalt und das was mit überschaubarem Aufwand zu besuchen ist, ist nett, aber auch nicht bahnbrechend. Eine Geschichte wird einem immer wieder erzählt. Auf einer Insel gibt es eine Unterkunft für den wirklich üppigen Geldbeutel. Da wir geplant haben auf der Nachbarinsel zu campen habe ich mal wegen einer Tischreservierung zum Abendessen angefragt, dann aber dankend abgelehnt, da der Spaß 350 Dollar kosten soll. Im Nachgang erfahren wir, dass die Betreiberin ein original signiertes Bild von dem Menschen an der Wand hängen hat, der in den 1930er und 40er Jahren halb Europa auf dem Gewissen hatte. Gut, dass wir das nicht durch einen Aufenthalt unterstützen. Verstörend ist auch, dass wir an manchen Hauswänden mit Bildern der UN Programme zur Hilfe dieser entlegenen Orte, die ebenfalls aus dieser Zeit stammenden Zeichen der Schergen dieses Mannes sehen. Ob es da einen Zusammenhang gibt, oder ob das eher mit den neuzeitlichen politischen Entwicklungen der Schutzmacht des Landes zu tun hat, die das Land in den 50er Jahren als Versuchslabor für deren Atomtests genutzt hat? Ein kleines Museum in der Stadt zeigt eindrucksvoll Bilder aus dieser schrecklichen Zeit und visualisiert die Folgen für die Menschen, die zuvor nicht weit genug in Sicherheit gebracht wurden. Manche vermuten, dass es Absicht war, um zu sehen, wie die Folgen dieser schrecklichen Waffen in der Praxis mit den vorherigen theoretischen Erwägungen harmonieren.

Kommentar schreiben
Wolf (Freitag, 27 Februar 2026 14:45)
Es ist wieder sehr erhellend, Deine hintergründigen Beschreibungen zu lesen. Das Müllproblem trifft uns ja weltweit. Bei allen Überlegungen zur Eigeninitiative - was passiert mit den eingesammelten Produkten (im vom Sammler bereitgestellten Behältnis) im nächsten Schritt? Also staatliche Organisation nötig, die alles außer Landes schafft - um damit auch Erträge zu erwirtschaften. Falls das klappt, folgt nach neoliberalem Muster ein Outsourcing an private Dienstleister, die die Tüten dann nach 50 Seemeilen im Meer versenken und so den Gewinn steigern. Wird also ein komplexer Vorgang. Es schaffen ja nicht einmal die betuchten Touris im Himalaya ihren Müll wieder mitzunehmen - was erwarten wir von den Einheimischen, die sich in Ihrem Leben noch nie mit der Thematik auseinandergesetzt haben? Ist doch ein Kampf gegen Windmühlen. Vielleicht haben wir im Hebst bei einem australischen Rotwein Gelegenheit, die Dinge vertieft zu diskutieren.
Lieben Gruß
Wolf