Pohnpei
Die letze Band für diesen Tag hat gespielt, die Menschen kehren der Bühne den Rücken zu, das Licht geht an und die Menschen stapfen durch den von ihnen hinterlassen Müll nach Hause. Auf der Bühne wird bereits der nächste Tag vorbereitet, während sich die Festival Besucher mehr oder weniger intensiv für den nächsten Tag stärken. Hinter den Ordnern, die das Gelände räumen, wird bereits zusammengefegt, was die feiernde Meute hinterlassen hat. Dann der nächste Morgen, wie sieht das Bühnenbild heute wohl aus, haben sie es wirklich geschafft das Chaos aufzuräumen und was macht der Kopf? Dröhnen oder ist alles ok nach der wilden Party der jüngeren Vergangenheit.
Wir sind alte Hasen und wissen, wann es Zeit ist zu rasten und haben so unentwegt Appetit für neue Impressionen. Wieder schweben wir über das endlose Blau des Ozeans und dann wird sie enthüllt: Die Bühne für den nächsten Auftritt beziehungsweise unsere nächsten Erlebnisse. Die föderierten Staaten von Mikronesien - Pohnpei. Hoch türmen sich die satt grünen Hügel aus dem Meer empor. Ein Anblick, den wir seit einigen Tagen, fast Wochen nicht mehr hatten. Die Insel wirkt fast wie eine verlassene Gegend, wo aber nicht alle mitbekommen haben, dass die meisten gegangen sind. Es ist ruhig, bis auf den Sportplatz sieht man nicht endlos viele Menschen. Die Häuser sind überwiegend hübsch hergerichtet, die Umgebung auffällig aufgeräumt. Das Highlight an Land sind ganz sicher, neben der Natur, die in dieser versteckten historischen Tempel von Nan Madol. Es ist schon spannend dort völlig allein in einer solchen geschichtsträchtigen Gegend zu stehen und sich zu fragen, was die Menschen wohl dazu bewogen hat unzählige riesige steinerne Stäbe, die man sich vielleicht am besten wie Hand geschlagene Bahnschwellen vorstellen kann, in exponierter Lage aufzuschichten, wie frisch geschlagene Bäume im Wald. Der Glaube versetzt augenscheinlich Berge, auch wenn man heute über die genauen Beweggründe nur mutmaßen kann.
Auch ist spannend, durch das Regierungsviertel außerhalb der Stadt zu schlendern. Ungehindert können wir uns dort umsehen, Fenster öffnen, um Fotos zu schießen, mit Menschen sprechen, die uns erklären wie die verschiedenen Gewalten des Staates funktionieren - in Deutschland oder anderswo auf dieser Welt unvorstellbar.
Wie die Insel über Wasser beeindruckt, hält einen das Spiegelbild unter der Oberfläche ebenso in seinem Bann. Zwei Mal besuchen wir die Manta Road, welche täglich eben ihre Namensgeber anlockt. Im Sand kniend ziehen diese Riesen schwerelos an uns vorbei. Ein winziger Flügelschlag und sie tanzen zu einer für uns nicht hörbaren Melodie durch das tief blaue Wasser. Anders als an anderen Orten dieser Welt hat sich das anscheinend noch nicht herumgesprochen, denn wir sind mit unserem Guide ganz allein dort unten.
Wie immer folgt nach dem Erwachen der Realitätscheck, hat die vorherige Party Spuren hinterlassen, oder war alles nur ein Traum? Auf dem Rückweg zur Tauchbasis sehen wir einen Frachter, der vor geraumer Zeit seine Kräfte mit dem Riff gemessen hat. Unser Guide berichtet, dass man das Öl abgepumpt hat und nun wartet, bis auch hier Zeit Probleme heilt. Er berichtet aber auch, dass das Schiff noch seine Ladung hat, Düngemittel die selbst Seevögel, die dort Halt machen verenden lassen. Die Reederei hat Augen und Mund der verantwortlichen Behörden wohl großzügig mit Dollar Noten verbunden. Für den Moment sicher eine einfache und kostengünstigere Lösung als die Bergung des Schiffes, aber was Vögel verenden lässt, hat vermutlich auch kein besonderes gutes Verhältnis zu Korallen und den dort lebenden Wesen. Glücklicherweise hat man ja mit der allgemein bereits nahezu akzeptierten Erwärmung des Planeten bereits schon die Konklusion gefunden. Derweil sich andere mit prall gefüllten Taschen davonschleichen und hoffen, dass die Erinnerungen dahinschwinden, wie das langsam verrostende Schiff es ebenfalls tut. Anmerkung der Redaktion: Der Wahrheitsgehalt genau dieser Geschichte ließ sich nicht zweifelsohne überprüfen, ließe sich aber im Zweifel auf andere Vorkommnisse projizieren, für den Fall, dass dieses mal eventuell doch noch die Ladung gelöscht wurde.
Alles in allem hat uns das Land in jedem Fall sehr gut gefallen und wir haben eine gute Zeit mit Menschen verbracht, die uns nun schon ein paar Mal auf dieser Reise über den Weg geflogen sind. Spannend ist in jedem Fall, was viele von ihnen bereits erlebt haben, über was wir uns des Abends austauschen und dabei auch über Themen gesprochen wurde, die ich hier schildere und sonst aktuell die Welt beschäftigen. Uns alle eint ein tiefes Unverständnis dafür, was aktuell vor sich geht und nahezu jeder Abend erwächst sich zu einem Brainstorming dessen, was man für diesen Teil der Welt tun könnte. In all diesen Diskussionen werden Ideen und Gedanken gesät, von denen bei den unterschiedlichen Berufen aller, ganz sicher irgendwann junge Sprosse keimen und vielleicht schaffen es ja ein paar wenige auch zur Tragfähigkeit von Früchten heranzuwachsen.
Palau
Einen guten Schritt weiter ist Palau, Szenerie und Artenvielfalt, insbesondere unter Wasser, sind sehr ähnlich. Die Infrastruktur, um betuchte und weniger betuchte Reisende anzulocken, ist vorhanden und die Menschen strömen bereits in größeren Scharen dorthin, um sich von der Schönheit der Natur zu überzeugen. Wir treffen wieder auf einen Teil unserer temporären Wegbegleiter, hören interessante Geschichten über Land und Leute, diskutieren beim abendlichen Glas Traubensaft und sind von Palau sehr angetan. Hier hat sich etwas entwickelt, was für andere Länder eine Blaupause sein könnte. Das Land ist oder wurde aufgeräumt, die Natur wird weitestgehend geachtet und behütet, denn das ist der Schatz, den die Besucher sehen wollen und der dem Land damit Wohlstand beschert. Zufriedene Gäste berichten von ihren Erlebnissen, die nächste Welle kommt, das Spiel geht weiter, aber nur so lange, wie der Grund erhalten wird und dieser lässt sich sicher nicht durch ein Luxuskaufhaus substituieren. Das Land und das Konzept gefallen uns gut.
Insgesamt drängen sich gefühlt Pflanzen auf jeder der Inseln so eng zusammen, bis nur noch die übrig bleiben, die nicht in die Brandung fallen. Das üppige Grün gesäumt von den gemächlich anrollenden Wellen ist sehr sehenswert. Es gibt sogar einen kleinen Wanderweg für unsere rastlosen Beine. Spannend ist auch das völlig überdimensionierte Parlament, was es locker mit seinem Vorbild in Washington aufnehmen kann. Schon verrückt für ein Land mit 15000 Einwohnern, die sich über 16 Bundesländer verteilen. Unter der Wasseroberfläche sind die Riffe noch erfreulich gut in Takt. Es gibt sehr viel Fische zu bestaunen, aber auch die Fische haben sehr viele Taucher zu ihrer Belustigung. Durch die ohnehin schon große Dimension der eigenen Gruppe, ist es unter Wasser schon schwer den Entdeckungen des Guides zu folgen, aber durch die vielen anderen Taucher, auch der eigenen Gruppe. Es kommt sicher nicht selten vor, dass mal jemand am Ende des Tauchgangs auf dem falschen Boot landet. Tückisch war auch die Strömung. Vor dem Tauchgang beteuerte der Guide stets, dass es nur eine leichte Strömung gibt und unter Wasser war dann der Moment der Wahrheit. Oft war sie dann doch recht lebhaft. Bei einem Tauchgang kam ein deutlicherer Zug auf. Die anderen hatten Glück tiefer und somit geschützter vom Riff unterwegs zu sein. Ich habe versucht zu ihnen aufzuschließen. Was bei den Fischen wirkt wie ein dezenter Schwung mit der Hüfte, artete für mich in harte Beinarbeit aus. Es kam der Moment der Einsicht, ich schaffe es nicht und musste abreißen lassen. Langsam schwanden die Umrisse der anderen dahin. Ich konnte Meike noch signalisieren, welchem Schicksal ich mich ergeben würde. Als ich mich grad meinem geordneten Aufstieg widme, sind die anderen plötzlich wieder da und leisten mir doch wieder Gesellschaft. Ähnlich wie dieser Tauchgang an mir vorbei zog, ging es mit den gesamten 9 Tagen im Land. Schon geht es weiter nach Neukaledonien - dem zweiten Außenposten Frankreichs in dieser entlegenen Gegend.
Neukaledonien
Wieder ragen hohe grüne Berge aus dem blauen Ozean empor. Das Grün wird durch tief rote Adern durchzogen über die die Extrakte der vielen Mienen in Richtung Hafen transportiert werden. Wir entscheiden uns für den 6 Tage währenden Fernwanderweg GRNC1, der durch die entlegensten Gegenden des Südens der Insel führt.
Allein die Anreise ist schon eine kleine Herausforderung. Mit dem Bus fahren wir so weit es geht aus Nouméa heraus und positionieren uns dann mit einem Schild an der Straße. Eine Stunde ist der Erfolg ausgesprochen überschaubar, bis uns ein Bäcker in seinem Wagen 2-3 Kilometer weiter absetzt. Der Verkehr ist hier deutlich konzentrierter, dünner aber damit auch zielgerichteter. Wenige Minuten später hocke ich auf einer Ladefläche voll mit Treibholz und Meike auf dem Beifahrersitz. Es geht durch atemberaubend schöne Landschaft über die ersten höheren Hügel zum Ausgangsort unserer Wanderung. Vielleicht war es in Teilen auch die Fahrweise kombiniert mit meinem Sitzplatz, was mir den Atem stocken lies. Anfangs laufen uns noch Menschen über den Weg aber nach einigen wenigen Kilometern sind wir „entre nous“, wie man hier sagen würde. Bis auf ein paar Leute an einem Wasserfall sehen wir für die nächsten 2 Tage niemanden mehr. Wir übernachten in einer Hütte mitten in der Wildnis bzw. in Unterständen am Weg, baden im Fluss und essen die Köstlichkeiten, die wir bis in diese entlegene Gegend mitgeschleppt haben.
Die Wanderung ist traumhaft schön, auch wenn es manchmal schwer ist den Blick gen Horizont zu richten, da der rote Lehm glatt wie ein zugefrorener See ist. Am dritten Tag meint es das Wetter nicht mehr so gut mit uns und es beginnt zu regnen, was sich zu einer regelrechten Schlammschlacht erwächst, die sich bei der roten Erde sehen lassen kann. Immer wieder heißt es, Schuhe aus und durch einen Fluss. Dabei geht es durch kleine Bäche und große Flüsse. Einer davon ist die Kategorie, zu groß zum ignorieren, aber zu klein, die Schuhe auszuziehen. Also über die Steine balancieren. Das Glück bei solchen Aktionen ist nicht zwingend auf meiner Seite. So auch hier. Ein nasser Stein, beweglich im Wasser gelagert, haut mich aus den Socken. Ich liege mit meinem gesamten Gepäck im Bach auf dem Bauch. Unangenehm war an der Aktion, dass der Stein mein gesamtes Schienbein aufgeschnitten hat. Ich muss sagen, dass ich in meinem Leben noch nicht so einen Schmerz empfunden habe und entschwinde erstmal in das reich angenehmerer Träume, während Meike alle Hände voll zu tun hat mich dort zu stabilisieren und zu verarzten. Irgendwann ist das Chaos sortiert und die Gedanken ebenfalls. Weiter geht es von hier nicht mehr und wir gehen bis zur letzten Straße zurück. Stunden später, per Shuttle und Anhalter finde ich mich in Nouméa wieder mit der Nachricht, dass nähen bei der Wunde kaum einen Sinn ergibt. Nur Zähne zusammen beißen.
Die nächsten Tage erkunden wir noch einen weiteren Nationalpark, der durch plötzlich einsetzenden Starkregen ebenfalls zur Schlammschlacht mutiert, und einige schöne Küstenabschnitte. Aber auch die Hauptstadt Nouméa ist sehenswert und fühlt sich angenehm heimelig an. Die Stadt, beziehungsweise die gesamte Insel mutet, wie das uns aus den Urlauben in Europa vertraute mediterrane Frankreich an. Segelboote, Baguette, Käse und allerlei vertraute Köstlichkeiten lassen das leibliche Wohl mal wieder aufleben. Die sprachliche Barriere hält jedoch glücklicherweise 95% aller potentiellen Touristen fern, wie ein virtueller Wall um das Land. Auch sonst wirkt alles verschlafen wie ein Paradies aus dem die Menschen aus kaum erfindlichen Gründen geflüchtet sind. Bei den Geschäften fragen wir uns, wann genau diese geöffnet haben und wenn sie es wären, wo die Menschen stecken, die ein Interesse an ihnen hätten. Ein verrücktes Land, aber in jedem Fall, trotz aller Erlebnisse schmerzlicherer Natur, ein absolutes Highlight dieser Reise.

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Sascha (Sonntag, 22 März 2026 15:46)
Was für ein toller Bericht. Hoffe es geht dem Schienbein inzwischen wieder besser, Dennis?!
Gabi (Dienstag, 24 März 2026 10:20)
Die Bilder und der Bericht regen auf vielerlei Weise an: zum Staunen, dass es an unverhoffter Stelle doch, den vom Mammon unterstützen Drang gibt, die Natur zu erhalten und die Schönheit zu erhalten. Es mischt sich ein wenig Sorge ein, was die Kämpfe mit dem Wasser und unter Wasser angeht. Sie ist allerdings gepaart mit einem Schmunzeln, dass durch die Tatsache, dass letztlich alles gut gegangen ist, zu rechtfertigen ist. Meikes Rundum-Krisenversorgung scheint sich bei jedem Weiterziehen zu perfektionieren :-) Viel Spaß weiterhin